FA 02 Eurokrise verunsichert die Branche - Wie gehen die Armaturenhersteller mit der gegenwärtigen Unsicherheit um?

Jeder Hersteller von Armaturen dürfte sich täglich mindestens einmal dabei ertappen, dass ihn die Eurokrise beschäftigt. Schlaflose Nächte haben aber dennoch bisher die wenigsten, Auftragseinbrüche sind kaum zu verzeichnen. Allerdings erscheint manchem die Zukunft wie ein Überraschungs-Ei – man weiß nicht, was drin sein wird. Deshalb ist die Krise präsent und verunsichert die Armaturenbranche.

Wirklich Grund zu klagen haben zumindest die deutschen Armaturenhersteller zurzeit nicht. „Die Stimmung ist gut“, sagt Christine Lindenau vom VDMA Fachverband Armaturen. Daran ändert auch die schwache Nachfrage aus dem Inland nichts. Im ersten Quartal war der Export der Armaturenindustrie noch um 5,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geklettert, was vor allem an den Industriearmaturenherstellern lag – sie konnten sogar im zweistelligen Bereich zulegen.

 

„Projekt Europa ist gefährdet“
Aber natürlich ist die Eurokrise trotzdem ein Dauerthema für den Verband des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus. Eines, das den Dachverband, in dem auch viele Armaturenhersteller organisiert sind, beunruhigt. „Europa und der Euro befinden sich in der Krise. Das große Projekt Europa ist gefährdet“, urteilt der VDMA.

Auswege werden gesucht. „Keiner weiß, wie die Krise wirklich zu lösen ist“, erklärt Hans-Peter Keitel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. „Ich jedenfalls habe keinen Königsweg.“

Zumindest ein Lösungsversuch wird über das europäische Parlament in Brüssel laufen müssen – auf welche Art und Weise auch immer. Und eben diese Unsicherheit über den Weg und Zukunft der einzelnen krisengeschüttelten EU-Länder verunsichert. Das spüren die Unternehmen. Zum Beispiel die Gases Division von The Linde Group. „Beeinträchtigt wurde der Geschäftsverlauf durch die ungünstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Eurozone“, berichtet der Konzern in seinem Halbjahresbericht. Wobei der Umsatz in den ersten sechs Monaten um 5,9 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro kletterte, unterm Strich bleibt ein Gewinn von 591 Millionen Euro nach 566 Millionen Euro im Vorjahr. Die gute Bilanz verdankt Linde einer guten Nachfrage in Osteuropa und im Mittleren Osten. Das Gase- und Engineerunternehmen besitzt die richtige Strategie: „Durch unsere globale und ausgewogene Aufstellung können wir eine Nachfragezurückhaltung in einzelnen Märkten oder die Schwäche bestimmter Währungen gut kompensieren“, erläutert Vorstandsvorsitzender Dr. Wolfgang Reitzle.

 

Dämpfende Wirkung auf Unternehmen
Die richtige Marktaufstellung half auch Air Liquide. Der Umsatz im ersten Halbjahr legte um 5,9 Prozent auf 7,5 Milliarden Euro zu, ebenso beim Gewinn gab es ein Plus. Auch hier zahlten sich die breite Aufstellung des Unternehmens – etwa in Schwellenländern sowie Mittel- und Osteuropa – aus. „Das Niveau der Aktivitäten im ersten Halbjahr 2012 spiegelt die Zurückhaltung wider, mit der viele unserer Kunden angesichts eines wirtschaftlichen Umfelds agieren, das auch weiterhin von der Staatsschuldenkrise in Europa sowie von einer erneuten Abschwächung des Wachstums weltweit geprägt ist“, unterstreicht Benoît Potier, Chairman und CEO von Air Liquide. Für dieses Jahr streben The Linde Group und Air Liquide trotz Eurokrise Wachstumsraten an.

Auch die RS Roman Seliger Armaturenfabrik spürt die Eurokrise. „In unseren traditionellen Geschäftsfeldern sehen wir bereits seit längerer Zeit Anzeichen einer Beruhigung oder sogar eines Rückgangs des Marktes“, sagt Geschäftsführer Dr. Jens Reppenhagen. Die Eurokrise sei dämpfend für das Unternehmen. Grund zur Sorge sieht er allerdings noch nicht: „Aufgrund der neuen Geschäftstätigkeit im Vergleich zu den Vorjahren ist sie nicht wahrnehmbar.“

 

Potenziale erschließen
Hilfreich ist wiederum die richtige Strategie. Die RS Roman Seliger Armaturenfabrik befinde sich sowohl über Neuprodukte und die Erschließung neuer Geschäftsfelder, insbesondere aber auch durch verstärktes Exportengagement derzeit in einer Hauskonjunktur. „Wir konnten beispielsweise im Vergleich zur 12-Monatsvorperiode unseren Exportanteil faktisch verdoppeln. Dies zeigt uns das immense Marktpotenzial außerhalb Deutschlands, das wir erst seit fünf Jahren aktiv erschließen“, so Reppenhagen.

Weiteren Ungemach aus den Krisenländern, in denen das Unternehmen kleinere Handelspartner hat, befürchtet die Armaturenfabrik nicht – und zeigt sich unbeeindruckt. „Wir werden unser Geschäft in diesen Regionen wie bisher fortführen und auch keinerlei über das übliche Maß hinausgehende Sicherheitsmaßnahmen treffen.“

Spürbar wurde die Eurokrise für RS Roman Seliger Armaturenfabrik aber bei Importen von bestimmten Halbzeugen, „die wir aus dem asiatischen Raum beziehen.“ Hier habe sich der schwache Euro verteuernd ausgewirkt. „Für dieses Jahr konnten und können wir dies noch durch entsprechende Kurssicherung abfangen. Perspektivisch gesehen, müssen wir uns allerdings auf erhöhte Materialkosten im Vergleich zu den Vorjahren einstellen“, so Reppenhagen weiter.

 

Unabhängig von Entwicklungen
Zulieferer im Süden hat die MIT (Moderne Industrietechnik) nur in Italien. Dort müsse man erst einmal abwarten, erklärt Geschäftsführer Hans-Dieter Tenhaef. Auf die schwierige Situation vor allem in den südeuropäischen Ländern stellt sich auch MIT mit Blick auf das Zahlungsverhalten ein. „Wir werden hier vorsichtiger agieren.“ Das bedeutet: Bei Bedarf wird auf Vorkasse umgestellt.

Der Anbieter von Systemlösungen für die Prozessindustrie, deren Teil auch Industriearmaturen sind, blickt bei allen Unabwägbarkeiten optimistisch in die Zukunft. „Die Stimmung in unserem Unternehmen ist trotz Eurokrise sehr gut! Wir konzentrieren uns zu 100 Prozent auf unsere Arbeit und hoffen so, unser Unternehmen nach vorne zu bringen.“ Das Unternehmen „Leser“ besitzt Kunden in den Euro-Krisenländern. „Wir sind in allen Ländern durch langjährige Vertriebspartner vertreten“, sagt Geschäftsführer Mirko Engel. Sorgen hat der Hersteller von Sicherheitsventilen aber nicht. „Wir bauen unsere globale Marktposition kontinuierlich aus, getragen von neuen Produkten und einer breiten internationalen Präsenz.“ Durch Investitionen in Produkte und Prozesse sei man unabhängig von der Entwicklung in einzelnen Ländern wirtschaftlich erfolgreich.

 

Solarindustrie in Spanien lukrativ
Auch abschrecken lässt sich Leser nicht, im Gegenteil. „Wir werden nicht zögerlicher sein, sondern im Rahmen der gebotenen kaufmännischen Vorsicht unser Engagement in diesen Ländern stärken“, bekräftigt Engel. In vielen der Euro-Krisenländer gebe es erfolgversprechende Entwicklungen, „die wir mit unseren Lösungen unterstützen wollen. Hier ist zum Beispiel die Solarindustrie in Spanien zu nennen, die wir mit anwendungsorientierten Sicherheitsventilen beliefern.“

Kein Problem stellen die Zulieferungen für die eigenen Produkte dar. „Da unsere Beschaffung international aufgestellt ist, gibt es keine Beeinträchtigungen“, unterstreicht Engel. Kunden in Spanien hat WP ARO. „Verspätete Zahlungen und Aufschübe gab es nicht, aber das Geschäft mit Spanien ist verhaltener“, erläutert Diplom Wirtschaftsingenieur Wolfgang Väth. Aber natürlich beobachtet das Unternehmen, das unter anderem Schlauchquetschventile und Pumpen anbietet, die Entwicklung ganz genau. „Falls die Sicherheiten schlechter würden, müssten wir die Zahlungsmodalitäten anpassen, aber ansonsten werden spanische Kunden selbstverständlich beliefert.“

 

Präsenz im Markt erhöhen
Derzeit ist die Stimmung bei WP ARO „vorsichtig positiv“. Trotzdem sei die Zukunftserwartung geprägt von großer Unsicherheit, „weil es den Anschein hat, dass wir für den Preis des Exports und des Wachstums in Deutschland die Schulden der anderen Mitgliedsländer der EU, allen voran Italien, Spanien und Frankreich, übernehmen werden“, so Väth weiter. Wichtig ist dem Unternehmen, die Präsenz im Markt und die Kundenbesuchsfrequenz zu erhöhen.

Keine großen Sorgen macht sich Crane. „Da wir weltweit viele Zulieferer haben, könnten wir Probleme dort schnell ausgleichen“, erklärt Aneta Stephens, Director, Global Marketing bei Crane Co., ChemPharma, Energy & Nuclear. Das gleiche gilt für Kunden, „da wir global tätig sind.“

Von überhasteten Reaktionen hält „Leser“ nichts. „Wir orientieren uns am langfristigen Erfolg“, sagt Geschäftsführer Mirko Engel. Schon in der Krise 2008/2009 habe man nicht nur die Mitarbeiterzahl konstant gehalten, sondern auch kontinuierlich einen hohen Prozentsatz des Umsatzes in neue Produkte und Prozesse investiert. Bereits die vergangene Wirtschaftskrise habe gezeigt, dass „wir selbst mit dramatischen Ausschlägen am Markt gut und sicher umgehen können“, zeigt sich Dr. Jens Reppenhagen, Geschäftsführer der RS Roman Seliger Armaturenfabrik, selbstbewusst. Man fühle sich gut gewappnet. „Wir profitieren von einer gewonnenen mentalen Stärke aus der letzten Krise.“

 

Flexibel reagieren können
Und was erwarten die Armaturenhersteller von der Zukunft? „Erwartungen im Sinne von Vorhersagen trauen wir uns ehrlich gesagt nicht zu“, so Reppenhagen. „Nur soviel: Als Unternehmen müssen wir flexibel auf sich sehr schnell verändernde Rahmenbedingungen reagieren können.“ Dies könnten spontane Nachfrageeinbrüche ebenso sein wie spontane Nachfragepeaks – „und das alles begleitet von starken Wechselkursschwankungen sowie sehr volatilen Kursen bei den Rohmaterialien.“ Als Grundvoraussetzung für eine flexible Aufstellung von Unternehmen sehe man eine solide Kapitaldecke, eine gut ausgebildete, motivierte und im Sinne von Kommunikation und Eigenverantwortung „hervorragend aufgestellte Belegschaft.“

„Bis zum Ende des Jahres wird es noch weiter boomen, doch nächstes Jahr wird es einen Einbruch geben“, vermutet Wolfgang Väth von WP ARO. Der treffe dann auch stark Deutschland. Für 2012 „gehen wir nach wie vor von einem Wachstum aus“, erklärt Christine Lindenau vom VDMA Fachverband Armaturen. Für das nächste Jahr rechnet der deutsche Verband aber „nach wie vor“ mit einem Umsatzwachstum, das bei plus 3 Prozent nominal liegen könnte.

Wie sich die Branche auch immer entwickeln mag – der Euro wird dabei eine gewichtige Rolle spielen. „Der Euro ist Basis für unser Geschäft insbesondere innerhalb Europas. Ein Abschied vom Euro wäre ein Rückschritt mit weitreichenden Folgen“, glaubt Leser-Geschäftsführer Mirko Engel. Er glaubt an den Euro. Genauso wie MIT-Geschäftsführer Hans-Dieter Tenhaef. „Es gibt keine vernünftige Alternative.“

 

„Euro-Abschied ist riskant“
Einen Abschied vom Euro hält Tenhaef für „sehr riskant“. Er wäre auch aus Sicht von Engel ein folgenschwerer Rückschritt. An den einen Euro glaubt Väth von WP ARO nicht mehr. Es sollte vielmehr ein klarer Schnitt gemacht werden, „vielleicht mit zwei Währungen – einem Finanz-Euro und einem Handels-Euro.“ Das würde EU-intern ganz neue Möglichkeiten schaffen, die Leistungsfähigkeit und Produktivität der jeweiligen EU-Volkswirtschaft zu berücksichtigen. Und was könnte bei einem Euro-Gau geschehen? „Ein Scheitern wäre aus unserer Sicht nicht wünschenswert, wir könnten es jedoch als flexibel aufgestelltes Unternehmen in der globalisierten Welt voraussichtlich gut bewältigen.“

Gefährlich würde die Eurokrise allerdings, wenn sie sich zu einer weltweiten Rezession auswächst. Sie würde selbst den Untenehmen zu schaffen machen, die sich global positioniert haben.

Handeln ist also dringend geboten. „Wir benötigen politische Rahmenbedingungen, die den Euro stabilisieren“, erklärte VDMA-Konjunkturexperte Olaf Wortmann bereits vor langem. Die Politik hat nun – wieder einmal – das Wort. Doch bei der Lösung der Krise ist sie sich leider uneins.