FA 07: Valve World Expo 2014: Reisepass für den Export

Europäer harmonisieren ihre Normen. Doch der globale Konsens lässt noch auf sich warten – China strebt eigene Normen an.

Normen schaffen Ordnung, wo sonst Chaos herrschen würde. Sie regeln den Handel und ermöglichen dem Anwender Sicherheit beim Einkauf. Für die Hersteller und Nutzer von Industriearmaturen besitzen sie daher einen großen Wert. Wirtschaftlich aufstrebende Länder wie China beunruhigen allerdings den weltweiten Markt. Sie arbeiten an eigenen Normen, „die sich für globale Hersteller zukünftig erschwerend auswirken können“, mahnt Christoph Pauly, Pressesprecher des Armaturen- und Pumpenherstellers KSB AG.

„Internationale und europäische Normen funktionieren wie eine gemeinsame technische Sprache“, unterstreicht das Deutsche Institut für Normung. Sie sind „für unsere Produkte ein Reisepass für den globalen Markt“, erklärt Karl Dungs, Geschäftsführer des gleichnamigen Herstellers von u.a. Magnetventilen und Kugelhähnen.

Hoher wirtschaftlicher Nutzen
Unterschiedliche Normen, also eine fehlende gemeinsame Sprache, brächten die international agierenden Unternehmen aber zum Stottern. Was fatal wäre, denn Normen erbringen einen hohen betriebs- und volkswirtschaftlichen Nutzen, der allein für Deutschland auf rund 17 Milliarden Euro pro Jahr beziffert wird. So lautet ein Ergebnis der Studie „Der gesamtwirtschaftliche Nutzen der Normung: Eine Aktualisierung der DIN-Studie aus dem Jahr 2000“, die 2011 veröffentlicht wurde. Zudem erhalten 84 Prozent der produzierenden Unternehmen der deutschen Wirtschaft einen globalen Marktzugang, indem sie europäische und internationale Normen anwenden.

In den vergangenen Jahren bemühten sich Verbände, Normen zu harmonisieren. Alle Beteiligten waren auf einem guten Weg. Heute sei die Normungsarbeit der DIN bereits zu fast 90 Prozent europäisch und international ausgerichtet, betont der Normenausschuss Armaturen (NAA) im Deutschen Institut für Normung e. V.

Den Trend zur Harmonisierung ehemals länderspezifischer Normen gäbe es bisher aber nur in Europa, bedauert KSB-Pressesprecher Pauly. Hier sei man „weit fortgeschritten, lediglich Anpassungen im Detail sind noch notwendig.“ Die Harmonisierung, wie sie in Europa umgesetzt wird, „kann als ein Schritt in die richtige Richtung gewertet werden."


Weiter Weg zur globalen Harmonisierung
Deutschland ist dabei gut aufgestellt. „Der DIN-Bereich hat einen großen Einfluss auf den europäischen Markt, da viele andere Länder nicht so umfassende Normierungen besitzen“, erläutert Lars Hennemann, Ingenieur in der Entwicklung und Konstruktion im Technischen Büro von Mankenberg.

Zu einer weltweiten Einheitlichkeit ist es aber noch ein weiter Weg. Denn global verbreitet ist auch die ANSI Norm (American National Standards Institute). Während es sich bei den europäischen Normen „um ein technisch anspruchsvolles und vergleichsweise modernes Gesamtwerk“ handele, definiere ANSI „eher Mindeststandards“, erläutert KSB-Pressesprecher Pauly.
Am amerikanischen Markt führt für viele Hersteller kein Weg vorbei. Daher setzt sich Mankenberg – so wie viele anderen Armaturenhersteller auch – „intensiv mit der Umsetzung der amerikanischen Regelwerke auseinander.“

Eine Strategie, die auch LESER verfolgt. Schließlich kommen dessen Sicherheitsventile in großen internationalen Energie-, Öl- und Gasprojekten zum Einsatz. „Dazu müssen sie weiteren Normen genügen, wie beispielsweise der American Society of Mechanical Engineers (ASME) oder des American Petroleum Institute (API)“, erklärt Bernd Jörgensen, Leiter des Technischen Büros beim Sicherheitsventilhersteller LESER. Die Ventile, die an Pumpen oder Kompressoren montiert würden, müssten meist sowohl die PED (Pressure Equipment Directive) als auch die ASME-Codes erfüllen.

 

Wer nicht normt, wird genormt
Global gesehen droht eine weitere Disharmonie. Denn Boomländer wie China schaffen eigene Normen oder beeinflussen zunehmend die internationalen Normen. Vielen Unternehmen ist dies bewusst. Siemens hat Normung in seine Strategie verankert. „Wenn wir nicht normen, dann werden wir genormt“, sagt Werner Fischer, Leiter des „Standardization & Regulation Management“. Deshalb bringe die österreichische Siemens AG ihre „getesteten Erfahrungen“ in den Normungsgremien ein, damit das Unternehmen die Marktregeln von Anfang an mitgestalten kann.

Wer also nicht wirtschaftlich abgehängt werden möchte, muss Einfluss auf die Gestaltung nehmen. So arbeitet LESER in nationalen und internationalen Normungsgremien sowie dem Arbeitskreis „Sicherheitseinrichtungen“ des VDMA (Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbau) mit.

Auch für LESER ist die Umsetzung der Normen immens wichtig: „Eine regelkonforme Funktion von sicherheitsrelevanten Bauteilen ist für Betreiber von Anlagen und Druckkesseln entscheidend, um Risiken für Mensch und Umwelt zu kontrollieren“, unterstreicht Jörgensen, Leiter des Technischen Büros. Das dokumentierte Erfüllen gesetzlicher Anforderungen, international anerkannter Standards, branchenspezifischer Regelwerke oder auch eigener Qualitätsanforderungen schaffe für den Betreiber Sicherheit und Zuverlässigkeit. Hinzu komme, dass Sicherheitsventile oft an Standorten und Anlagenteilen zum Einsatz kämen, die sehr schwer oder nur sehr aufwändig zugänglich seien. „Hier ist auch aus wirtschaftlichen Gründen eine verlässliche Funktion erforderlich.“

 

Kampf gegen Immissionen
Normen alleine sind aber nur die halbe Miete. Ihre Einhaltung muss kontrolliert werden. Durch ein integriertes Qualitätsmanagement von der Lieferantenauswahl bis zur Prüfung des fertigen Ventils „stellen wir in jedem Prozessschritt sicher, dass unsere eigenen Anforderungen sowie die der Regelwerke erfüllt werden“, so Jörgensen weiter.

Die Kunden schauen LESER regelmäßig über die Schulter und begutachten den Produktions- und Prüfprozess im Werk in Hohenwestedt. „Auf unserem Prüfstand in Hamburg können wir die Funktion eines Ventils nachprüfen und dokumentieren. Nicht zuletzt wird die Arbeit von LESER regelmäßig vom TÜV Nord überprüft.“

Zu einem der wichtigsten Themen für die Industrien gehören Immissionen. Sie schaden nicht nur Mensch und Umwelt, sondern beeinflussen auch den Erfolg eines Unternehmens. Leckagen sind ein großer Kostenfaktor für Anlagenbetreiber. Wer sie minimiert, spart bares Geld. Hersteller können wiederum mit effizienten Armaturen bei Endusern punkten.

Da Immissionen also von öffentlichem Interesse sind, sieht der Gesetzgeber hier besonders genau hin. Zur Einschränkung des Medienausstoßes formulierte er die TA-Luft – die Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft. Dabei handelt es sich um die erste „Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Bundes-Immissionsschutzgesetz“. Die TA-Luft gilt als erfüllt, wenn metallische Faltenbälge mit nachgeschalteter Sicherheitsstopfbuchse oder gleichwertige Dichtsysteme verwendet werden, wobei die Gleichwertigkeit im Nachweisverfahren entsprechend VDI 2440 bestätigt werden muss.

„In der VDI 2440 wird nur das Dichtsystem der Spindel- und Wellenabdichtung behandelt, nicht aber die komplette Armatur“, betont Markus Häffner, Leiter Konstruktion und Entwicklung bei der Armaturenfabrik Franz Schneider. Ferner sei ein direkter Vergleich verschiedener T-Luft-Armaturen nicht möglich.

 

ISO geht über die TA-Luft hinaus
Die Tücke liegt also im Detail. Und bei diesem so wichtigen Thema Immission kommt die Norm ISO 15848 ins Spiel. Denn die ISO 15848 „Industriearmaturen – Mess-, Prüf- und Qualifikationsverfahren für flüchtige Emissionen“ als internationale Norm „betrachtet im Gegensatz zur TA-Luft nicht nur das Dichtsystem der Spindel-/Wellenabdichtung, sondern die ganze Armatur, inklusive der Gehäuseabdichtungen“, erläutert Häffner von der Armaturenfabrik Franz Schneider.

Vorteile dieser Norm, die über die TA-Luft hinausgeht: Armaturen unterschiedlicher Hersteller könnten anhand der Klassifizierung in Dichtheits-, Ausdauer- und Temperaturklasse miteinander verglichen werden. Außerdem entspräche die komplette Armatur den Anforderungen. Die Vergleichbarkeit durch eine Norm bietet – neben den Vorteilen für die Umwelt – also auch den Anwendern eine Entscheidungshilfe beim Kauf der Armatur.

Um Vorgaben wie etwa die TA-Luft zu erfüllen, müssen sich Armaturenhersteller zum Beispiel auf Dichtungen verlassen können. Häufig sind sie das schwächste Glied in der Anlagenkette. Daher gibt es einen „Trend, konventionelle Dichtungs-Werkstoffe höherwertig zu verarbeiten oder zu kombinieren“, sagt Wilfried Ernst, Geschäftsführer der Köthener Spezialdichtungen GmbH. Die Hersteller von Dichtungen haben in den vergangenen 20 Jahren ihre Hausaufgaben gemacht: „Für die höchsten technischen Anforderungen wie etwa TA-Luft sind Produkte von mehreren Herstellern verfügbar“, erläutert Ernst. Positiver Effekt für Kunden: Die Hersteller spornen sich im Wettstreit um die Entwicklung optimaler Dichtungen in einem hart umkämpften Markt gegenseitig an.

 

Normen-Trends bei Werkstoffen und Ökologie
Ein wichtiges Prinzip für die Erarbeitung von Normen ist, dass sie markt- und zeitgerecht entwickelt werden. Daher gibt es im Laufe der Zeit unterschiedliche Trends. Derzeit sind neue Werkstoffe und damit neue Herstellungsverfahren für den NAA ein wichtiges Thema. In den Fokus rücken verstärkt die Schnittstellen zwischen zum Beispiel Schlauchleitungen und Armaturen. Ökologische und hygienische Trends gewinnen an Bedeutung. Und natürlich die „Europäisierung in der Armaturennormung, also die Angleichung der nationalen Voraussetzungen“, betont der NAA.

Am Ende lohnt sich aber das mühevolle Auseinandersetzen mit neuen Entwicklungen, denn die Vorteile für Unternehmen sind zahlreich. „Die Qualität bzw. Produktsicherheit wird durch Standards und Normen auf gleichbleibend hohem Niveau gehalten“, betont Lars Hennemann, Ingenieur bei Mankenberg. Produkte werden vergleichbar. Unternehmen „können das Risiko durch die bestehenden Produkthaftungsgesetze überschaubarer halten“, so KSB-Pressesprecher Pauly. Weitere Beispiele für Vorteile von Normen laut NAA: Planungs- und Investitionssicherheit, Handelshemmnisse werden vermieden.

Von daher kann die Losung nur lauten, „eine globale Normenharmonisierung zu unterstützen“, bilanziert Pauly. Aber natürlich grundsätzlich mit Augenmaß: Eine Überreglementierung müsse vermieden werden.

 

Eigene Vorstellungen einbringen
Ein Vorteil für Armaturenhersteller ist es, wenn sie sich in den Ausschüssen an der Normgestaltung beteiligen. Umso eher können ihre Ideen einfließen. „Eigene Vorstellungen am Markt werden berücksichtigt“, so der NAA.
Um weltweit homogene Normen muss mit Blick auf China und Russland noch gerungen werden. Deutsche Produzenten dürfen aber recht zuversichtlich sein. Pauly: „Die chinesische Normung lehnt sich beispielsweise stark an die DIN Norm an. Das könnte den deutschen Herstellern entgegenkommen.“

 

Ohne Konsens keine Norm
Normen haben für sich genommen keinerlei Gesetzeskraft, ihre Anwendung ist freiwillig. Erst durch Rechtsakte Dritter können sie Verbindlichkeit erhalten – etwa wenn private Verträge oder Gesetze und Verordnungen auf sie Bezug nehmen. Normen werden fortwährend überarbeitet.

Ein Grundprinzip der Normung ist der Konsens: Eine Norm wird nur verabschiedet, wenn keiner der an der Erarbeitung Beteiligten mehr einen Widerspruch hat. Ferner wird auf Transparenz und Neutralität Wert gelegt.

Der deutsche Normenausschuss Armaturen (NAA) im DIN (Deutsches Institut für Normung e.V.) ist unter anderem verantwortlich für die Normung von Industriearmaturen. Umfasst wird die nationale, europäische und internationale Normung von Armaturen, die den Medienstrom durch Schließen, teilweises Absperren oder durch Teilen oder Mischen regeln.
Jährlich werden laut NAA etwa zehn veröffentlichte Normen für Armaturen in Arbeitsgremien ausgearbeitet und veröffentlicht. Enthalten sind auch Überarbeitungen.

Der NAA ist einer von insgesamt 71 Normenausschüssen im DIN. In Ausschüssen findet die fachliche Normungsarbeit statt: Ihr Wissen und ihre Praxiserfahrungen steuern rund 28.000 Experten der so genannten interessierten Kreisen aus zum Beispiel Wirtschaft, Wissenschaft, öffentliche Hand, Prüfinstituten und Verbrauchervertretungen bei.