Kohlenstoff zählt zu den unverzichtbaren Grundstoffen der chemischen Industrie, wird jedoch bislang überwiegend aus fossilen Energieträgern wie Erdöl, Erdgas oder Kohle gewonnen. Für eine klimaneutrale Umgestaltung der Branche ist daher der Zugang zu nachhaltigen Kohlenstoffquellen von zentraler Bedeutung. Ein von der IN4climate.NRW vorgelegtes Diskussionspapier mit dem Titel „Kohlenstoff – aber nachhaltig!” kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Bedarf der deutschen Chemieindustrie grundsätzlich aus nachhaltigen Quellen decken lässt. Zusätzliche Importe sind dafür nicht zwingend notwendig. Gleichwohl wird ein erheblicher politischer Handlungsbedarf festgestellt. Die Publikation ist kostenfrei zugänglich.
Chemische Erzeugnisse wie Waschmittel, Klebstoffe, Lacke, Farben oder Kunststoffe prägen zahlreiche Lebensbereiche. Ein Großteil dieser Produkte basiert auf Kohlenstoff, der derzeit zu rund 85 Prozent aus fossilen Quellen stammt. Das von Unternehmen, Verbänden und wissenschaftlichen Einrichtungen unterstützte Papier der IN4climate.NRW beschreibt tragfähige Strategien, mit denen die chemische Industrie in Deutschland bis zum Jahr 2045 Klimaneutralität erreichen und zugleich ihre Wettbewerbsfähigkeit sichern kann.
Dr. Katharina Schubert, Geschäftsführerin der NRW.Energy4Climate, verweist darauf, dass die Vielschichtigkeit chemischer Produktionsprozesse sowohl Herausforderungen als auch Potenziale birgt. Die breite Palette an Produkten und Reaktionswegen erschwere zwar die Umstellung der Rohstoffbasis, eröffne jedoch zugleich Chancen für innovative Verfahren auf Grundlage nachhaltiger Ressourcen. Insbesondere die chemische Industrie in Nordrhein-Westfalen mit ihrem Spektrum von Grundstoffen bis hin zu Spezialchemikalien könne hier eine Vorreiterrolle einnehmen, sofern zeitnah geeignete politische Rahmenbedingungen geschaffen würden.
Den Analysen zufolge ist eine inländische Versorgung mit nachhaltigem Kohlenstoff grundsätzlich möglich. Voraussetzung ist, dass sämtliche verfügbaren Quellen wie Kunststoffabfälle, Biomasse und CO2 konsequent erschlossen und die entsprechenden Verarbeitungsverfahren technologisch weiterentwickelt werden. So bedarf es eines weiteren Ausbaus des mechanischen Kunststoffrecyclings im Sinne einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft.
Darüber hinaus sind insbesondere in Nordrhein-Westfalen zügige Standortentscheidungen und Investitionen in das chemische Recycling von Kunststoffen erforderlich. Im Bereich Biomasse ist entscheidend, dass vorhandene Ressourcen nach dem Kaskadenprinzip vorrangig stofflich und effizient genutzt werden, beispielsweise für die Herstellung von Biopolymeren oder Spezialchemikalien. Um Nutzungskonflikte zu vermeiden, ist eine strategische Priorisierung notwendig, der eine fundierte Analyse der regional verfügbaren Mengen für die Industrie in Nordrhein-Westfalen vorausgehen sollte. Zudem gewinnt die Nutzung von CO2 als Rohstoff für die chemische Industrie zunehmend an Bedeutung. Dabei sollte der Einsatz konsequent auf geschlossene Kohlenstoffkreisläufe ausgerichtet sein. Für kurzlebige oder nicht kreislauffähige Produkte wie Verpackungen bietet sich insbesondere biogenes CO2 an. Entsprechende Mengen müssen bei der Planung von Transport- und Infrastrukturnetzen frühzeitig berücksichtigt werden.
Angesichts der langen Entwicklungs- und Investitionszyklen neuer Technologien unterstreicht die Initiative die Notwendigkeit klarer politischer Leitplanken bereits zum jetzigen Zeitpunkt. Erforderlich sind unter anderem strategische Programme mit gezielter Förderung, der Aufbau von Leitmärkten für defossilisierte Produkte sowie verlässliche Perspektiven für den zügigen Ausbau notwendiger Transportinfrastrukturen. Ein abgestimmtes Gesamtkonzept bildet die Grundlage für die künftige Versorgung der chemischen Industrie mit nachhaltigem Kohlenstoff und sichert ihre Wettbewerbsfähigkeit. Die vollständige Veröffentlichung ist kostenfrei abrufbar: Zum Download