Zwischen hohen Erwartungen, politischen Debatten und aktuellen Rückschlägen auf dem Markt bleibt Wasserstoff eine der wichtigsten Zukunftstechnologien für Industrie und Energieversorgung. Für Bürkert ist diese Technologie nicht nur eine langfristige Geschäftschance, sondern auch ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu einer regenerativen Wirtschaft. In diesem Interview erklärt CEO Georg Stawowy, warum das Unternehmen bewusst eine langfristige Perspektive einnimmt und wo er Chancen auf dem globalen Wasserstoffmarkt sieht.
Herr Stawowy, ich möchte mit Ihnen über den Wasserstoffsektor sprechen. Sie haben betont, dass dieser für Bürkert sehr wichtig ist. Wie sehen Sie die zukünftige Positionierung Ihres Unternehmens in diesem Bereich?
Georg Stawowy: Vielen Dank. Die Idee war, etwas anzubieten, das wirklich interessant ist. Natürlich verdienen wir unser Geld mit Produkten und Systemen, aber wenn ich auf Messen bin, stelle ich fest, dass Besucher und Ihre Leser nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne haben, wenn es ausschließlich um Produkte geht. Deshalb ist es mir wichtig, Presseveranstaltungen so zu gestalten, dass sie Hintergrundwissen vermitteln und Themen beleuchten, wie in diesem Fall das Thema „regenerative Wirtschaft“. Der Strategieprozess hat viel Zeit und Mühe gekostet, und wir hatten das Gefühl, dass jetzt der richtige Moment war, ihn vorzustellen. Ich freue mich sehr, dass er so gut angekommen ist.
Ja, das war auch ein emotionales Thema, das zu Diskussionen anregt. Ich möchte mit Ihnen über den Wasserstoffsektor sprechen. Sie haben betont, dass dies für Bürkert sehr wichtig ist. Wie sehen Sie die zukünftige Positionierung Ihres Unternehmens in diesem Bereich?
Georg Stawowy: Wir haben intern intensiv darüber diskutiert, welche Zukunftsthemen wir priorisieren wollen. Wasserstoff war definitiv ein umstrittenes Thema. Es gibt andere Märkte, wie beispielsweise die Halbleiterindustrie, die deutlich größer und dynamischer sind. Aber wir haben uns bewusst für Wasserstoff entschieden, da es in diesem Markt noch kein dominantes technisches Konzept gibt. Das eröffnet uns die Chance, Vorreiter zu sein, anstatt nur hinterherzulaufen. Ich persönlich verfolge dieses Thema bereits seit den 1990er Jahren, weil ich die Technologie faszinierend fand. Lange Zeit passierte nichts. Durch meinen Vater, der in der Stahlindustrie tätig war, habe ich verstanden, wie groß das Potenzial ist – insbesondere bei der Dekarbonisierung der Stahlproduktion. Mir war klar: Wenn dort grüner Wasserstoff zum Einsatz kommt, wird das ein echter Hebel sein.
Später hörte ich einen Vortrag eines Fraunhofer-Experten, der sagte: Der Wasserstoff, den wir in den nächsten 20 Jahren realistisch produzieren können, könnte vollständig von der Stahlindustrie absorbiert werden – sodass kein einziges Gramm für Autos übrig bliebe. Das zeigt das Ausmaß des Problems. Für mich ist Wasserstoff daher keine Frage der Antriebssysteme, sondern der Energiespeicherung und -verteilung.
Wir haben kein Problem mit der Energieerzeugung – Sonne, Wind und Gezeiten liefern mehr als genug. Die Herausforderung liegt in der Speicherung und im Transport. Und genau hier bietet Wasserstoff eine geniale Lösung. Auch wenn der Wirkungsgrad bei manchen Anwendungen gering ist. Deshalb bin ich überzeugt, dass Wasserstoff – genau wie Wasser – seinen Weg finden wird.
Dennoch ist die Stimmung in der Branche derzeit eher gedämpft. Einige Projekte wurden gestoppt oder verschoben. Wie beurteilen Sie die Situation?
Georg Stawowy: Ja, die Stimmung ist im Moment tatsächlich gedrückt. Aber das gehört zum Prozess dazu. Ich erinnere mich an den sogenannten Gartner-Hype-Zyklus: Eine Technologie erlebt zunächst enorme Euphorie, dann Enttäuschung, bevor sie sich schließlich etabliert. Ich glaube, dass wir uns bei Wasserstoff derzeit in dieser Phase der Ernüchterung befinden.
Betrachtet man das Ganze jedoch aus einer breiteren Perspektive, sieht man, dass in Indien ehrgeizige Wasserstoffziele angekündigt wurden, im Nahen Osten Großprojekte laufen und in China die weltweit größte Elektrolyseur-Fabrik gebaut wird. Das zeigt, dass die Technologie weltweit wächst – auch wenn es hier in Deutschland manchmal anders erscheint.
Bedeutet das, dass wir uns jetzt frühzeitig positionieren müssen, um die Chance nicht zu verpassen – ähnlich wie es bei der Elektromobilität der Fall war?
Georg Stawowy: Das ist eine berechtigte Frage. Als Unternehmer würde ich sagen, dass es nicht immer klug ist, der Allererste zu sein. Als Vorreiter läuft man Gefahr, viel Geld zu investieren, ohne dass sich die Technologie sofort durchsetzt. Es ist also nicht falsch, abzuwarten und zu beobachten, wie sich die Märkte entwickeln.
Aber wir müssen immer einen Schritt voraus sein, ganz gleich, ob der Hype gerade zunimmt oder abklingt. Wenn der Wendepunkt kommt, werden die Kunden fragen: „Wem können wir diese Aufgabe anvertrauen? Wer hat Erfahrung, wer hat die Anwendungen getestet?“ Dann wird es darauf ankommen, wer bereits seit drei Jahren Produkte auf dem Markt hat. Diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt erst in den Markt einsteigen, werden es schwer haben.
Entwickelt Bürkert bereits spezielle Produkte für Wasserstoff, oder werden bestehende Lösungen angepasst?
Georg Stawowy: Beides. Wasserstoff ist ein anspruchsvolles Medium – hochreaktiv, diffusionsanfällig, und die Betriebsdrücke steigen stetig an. Das erfordert neue Konstruktionsansätze und Werkstoffe. Natürlich könnte man sagen, dass sich ein Ventil öffnet und schließt und das Prinzip dasselbe bleibt. Aber die Details machen den Unterschied.
Es geht um Materialermüdung, Versprödung, Dichtungen – da trennt sich die Spreu vom Weizen. Kunden wollen sehen, dass wir das Medium wirklich verstehen. Sie erwarten keine Cross-Selling-Lösung, sondern eine, die speziell für Wasserstoff entwickelt wurde.
Deshalb entwickeln wir gezielt neue Produkte. Das ist intern durchaus umstritten, da der Markt derzeit noch klein ist und kurzfristig keinen großen Umsatzanstieg bringen wird. Aber als Familienunternehmen können wir es uns leisten, langfristig zu investieren und auf den richtigen Moment zu warten. Ob das in drei, fünf oder zehn Jahren sein wird – das kann niemand sagen. Das erfordert Geduld.
Sie sprechen von Geduld – viele Menschen sehen derzeit stattdessen Rückschläge. ArcelorMittal hat sich kürzlich aus dem „Green Steel“-Projekt zurückgezogen, trotz zugesagter Fördermittel. Ist das ein Signal?
Georg Stawowy: Rückschläge wie diese gehören zum Prozess dazu. Aber für uns passt Wasserstoff perfekt in unsere Unternehmensstrategie. Wenn wir von einer regenerativen Wirtschaft sprechen, müssen wir auch Branchen unterstützen, die einen positiven Beitrag leisten.
Deshalb investieren wir zum Beispiel in Green Elephant Biotech, ein Unternehmen, das an personalisierten Krebstherapien arbeitet. Das schafft einen Mehrwert für die Gesellschaft – genau wie Wasserstoff. Es geht darum, Technologien zu fördern, die langfristig der Umwelt und den Menschen zugutekommen.
Wasserstoff passt also auch konzeptionell in Ihre Nachhaltigkeitsstrategie?
Georg Stawowy: Auf jeden Fall. Nach dem Verbrennungsprozess bleibt Wasser übrig – das Symbol für einen geschlossenen Kreislauf. Das passt perfekt in das Modell der Kreislaufwirtschaft. Ich erwarte zwar keine rasante Entwicklung, bin mir aber sicher, dass es irgendwann richtig durchstarten wird. Auch bei der Photovoltaik hat es Jahrzehnte gedauert – heute sieht man überall Solarmodule auf den Dächern.
Trotz des Wegfalls der Fördermittel hat sich der Photovoltaikmarkt weiterentwickelt. Wie wichtig sind Förderprogramme für Wasserstoff?
Georg Stawowy: Natürlich wären mehr Fördermittel hilfreich – man wünscht sich immer mehr Unterstützung. Ohne die richtigen politischen Rahmenbedingungen hätte beispielsweise die Automobilindustrie keine so bedeutenden Fortschritte bei den Emissionen erzielt. Die EU-Emissionsnormen haben die CO₂-Emissionen deutlich gesenkt, und das war eine politisch vorangetriebene Initiative.
Ich bin der Meinung, dass Politiker Technologien gezielt fördern sollten, sobald sie sich entschieden haben, in diese zu investieren. Tun sie dies nicht, laufen wir Gefahr, erneut von anderen Regionen überholt zu werden – wie beispielsweise von China im Bereich der Photovoltaik.
Sie sagten, dass wir in Sachen Wasserstoff global denken müssen. Hat Bürkert in diesem Bereich bereits internationale Kunden?
Georg Stawowy: Ja. Unser größter Einzelkunde hat seinen Sitz sogar in den USA – ein Unternehmen, das Gabelstapler mit Brennstoffzellen ausstattet. Das ist zwar keine klassische Automobilanwendung, aber dennoch Mobilität, bei der Wasserstoff zum Einsatz kommt. Andere Kunden sind in der Wasserstoffproduktion durch Elektrolyse tätig, einem Bereich, der sich dynamisch entwickelt. Dank unseres breiten Portfolios unterstützen wir Kunden weltweit – von europäischen Ländern wie Spanien und Dänemark bis hin zu Australien – dabei, schnell und effizient die richtigen Produkte auszuwählen.
Grundsätzlich erzielen wir ohnehin den Großteil unseres Umsatzes außerhalb Deutschlands. Wir bieten unsere Lösungen weltweit an und folgen dem Markt, wo immer er entsteht. Besonders spannend finde ich die Entwicklungen in Indien – dort werden derzeit ambitionierte Wasserstoffprogramme aufgebaut.
Bedeutet das, dass Bürkert in Zukunft je nach Region und Marktanforderungen verstärkt vor Ort entwickeln und produzieren wird?
Georg Stawowy: Genau. Wir folgen dem Prinzip „lokal für lokal“. Das gilt auch für die Produktentwicklung. Ich möchte, dass unsere regionalen Einheiten eigenständig handeln können. Wenn ein deutscher Kollege sagt: „Wasserstoff lohnt sich nicht“, ein indischer Kollege aber davon überzeugt ist, dass es dort wichtig ist, dann sollte er oder sie handeln dürfen – unabhängig von der Zentrale.
Technische Vorlieben variieren von Region zu Region – in den USA sind Rockwell-Steuerungen Standard, während in Europa Siemens die Norm ist. Das Gleiche gilt für den Wasserstoffmarkt. Deshalb brauchen wir ein dezentrales Entwicklungsnetzwerk, das auf lokale Bedürfnisse eingehen kann. Davon wird der Wasserstoffsektor erheblich profitieren.