Nachhaltigkeit ist längst kein Randthema mehr, sondern ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Doch wie lässt sich der CO₂-Fußabdruck einer Industriearmatur zuverlässig bestimmen? Wir haben mit Andreas Laschke, Leiter des Segments Armaturen bei KSB SE & Co. KGaA, und Dr. Laura Dorfer, Geschäftsführerin des VDMA Fachverbandes Armaturen, über die Herausforderungen und Lösungen gesprochen.
Die CO2-Bilanzierung wird für die Industriearmaturenbranche immer wichtiger. Ist das auch ein Verbandsthema?
Dr. Laura Dorfer: Beim Fachverband Armaturen haben wir das Thema bereits in einem Expertenkreis aufgenommen. Der Expertenkreis zum „Product Carbon Footprint“ (PCF), an dem sich zahlreiche unserer Mitgliedsfirmen intensiv beteiligen, ist ein sehr schönes Beispiel dafür, welchen Mehrwert ein Verband schaffen kann. Gerade wenn es um die Etablierung neuer Standards geht, ist eine breite Wissens- und Anwendungsbasis hilfreich, um einen möglichst allgemeingültigen, aber auch pragmatischen Rahmen für Industrieunternehmen zu schaffen. Herr Laschke hat das Thema in unserem Fachverband eingebracht. KSB als international agierendes Unternehmen war in einzelnen Märkten früh mit der Kundenanforderung nach Ausweis eines PCF konfrontiert und hat sich daher auch für die Notwendigkeit für einen Industrie-Standard ausgesprochen. Weitere große Unternehmen aus unserem Vorstand, wie zum Beispiel SAMSON oder LESER, waren bereit, ihre Erfahrungen hierzu einzubringen. Insgesamt hatten wir in der Projektgruppe aber bewusst auch Vertreterinnen und Vertreter aus kleineren Mitgliedsunternehmen, die bisher keine Vorerfahrungen in dem Thema hatten und auch keine Fachabteilungen für solche spezifischen Themen vorhalten. Auf diese Weise konnte sichergestellt werden, dass am Ende eine Methode erarbeitet wird, die handhabbar für Armaturenfirmen in der Breite ist – über verschiedene Produktkategorien und Unternehmensgrößen hinweg.
Andreas Laschke: Beim Aufbau unserer internen Methoden und Prozesse zum PCF wurde schnell klar, dass unterschiedliche Vorgehensweisen und erhebliche Interpretationsspielräume am Markt bestehen. Das ist zunächst nicht verwerflich und bei einem neuen Thema auch normal. Aber es führt zu Unsicherheit bei unseren Kunden und schafft Spielräume für Marktteilnehmer, sich bestmöglich darzustellen. Als Unternehmen, das Nachhaltigkeit und Energieeffizienz im Fokus hat, scheuen wir einen seriösen Vergleich nicht. Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir schnellstmöglich einen allgemeingültigen Standard etablieren. Wir machen das übrigens nicht im deutschen Alleingang, sondern synchronisieren uns auch mit den Verbänden anderer Länder und dem europäischen Dachverband der Armaturenindustrie, dem CEIR.
Herr Laschke, warum rückt die CO₂-Bilanzierung für Armaturenhersteller so stark in den Fokus?
Andreas Laschke: Die Anforderungen steigen kontinuierlich – sowohl durch gesetzliche Vorgaben als auch durch die Erwartungen unserer Kunden. Wer heute einen Nachhaltigkeitsbericht erstellt oder Fortschritte bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen dokumentieren muss, braucht belastbare Daten. Ich würde allerdings nicht von einem spezifischen Thema für Armaturenhersteller sprechen. Letztlich steht jeder Hersteller von Produkten oder Anlagen vor einer ähnlichen Herausforderung. Bei Armaturen sprechen wir von Produkten, die aus zahlreichen Komponenten bestehen – Gehäuse, Dichtungen, Antriebe – und die Bandbreite reicht von kompakten Regelventilen bis zu großen Absperrarmaturen für Energieanlagen. Hinzu kommen neue Fertigungsverfahren, wie das metallische „Drucken“ von Komponenten. Als Fachverband versprechen wir uns daher eine hohe Effizienz und Informationsqualität für unsere Mitgliedsunternehmen, wenn wir Struktur und Methode in das Thema bringen.
Frau Dorfer, was wurde nun konkret im VDMA Armaturen erarbeitet?
Dr. Laura Dorfer: In unserer Expertengruppe haben wir eine standardisierte Methodik entwickelt. Ziel war die Erstellung von Product Category Rules (PCR) für Armaturen – das bedeutet sowohl für Hersteller von Industrie- als auch Gebäudearmaturen. Diese Regeln bilden die Basis für die Berechnung des Product Carbon Footprint (PCF). Damit schaffen wir einen einheitlichen Ansatz, der die CO₂-Emissionen über den gesamten Herstellungsprozess abbildet. Die Ergebnisse werden in einem VDMA-Einheitsblatt veröffentlicht, das perspektivisch als Grundlage für eine ISO-Norm dienen kann.
Herr Laschke, wie lässt sich die Berechnung effizient gestalten?
Andreas Laschke: Eine vollständige Detailanalyse bis zur kleinsten Schraube wäre weder praktikabel noch wirtschaftlich. Deshalb setzen wir auf das Pareto-Prinzip (80/20-Regel). Wir bilanzieren die Komponenten, die den größten Anteil an Masse und Emissionen verursachen, im Detail. Für die restlichen Teile erfolgt eine Hochrechnung. Die Emissionsfaktoren stammen aus Herstellerdaten, von Zulieferern oder aus Datenbanken. So entsteht ein belastbarer PCF-Wert, der als CO₂-Äquivalent in Kilogramm angegeben wird.
Frau Dorfer, wie unterstützt der VDMA die Unternehmen bei der Umsetzung?
Dr. Laura Dorfer: Das VDMA-Einheitsblatt enthält die komplette Methodik, Beispielrechnungen, Definitionen, Verweise auf relevante ISO-Normen sowie Quellen für Emissionsdaten. Außerdem wurden in der Projektgruppe Pauschalen erstellt für die Berechnung von Transportwegen, Brutto-Netto-Differenzen sowie für die optionale Berücksichtigung von Antrieben. Damit steht erstmals ein Ansatz zur Verfügung, der auch für kleine und mittlere Unternehmen mit deutlich geringeren finanziellen und personellen Mitteln umsetzbar ist.
Trotz dieser Erleichterungen klingt das immer noch nach viel Arbeit für die Unternehmen – ist der PCF ein Beispiel für „Überregulierung“?
Andreas Laschke: Ich möchte Regulierung hier nicht per se verdammen. In vielen Lebensbereichen hat sie in der Vergangenheit zu mehr Lebensqualität oder Sicherheit geführt. Letztlich kann und soll Regulierung einen gesellschaftlichen Konsens widerspiegeln und Anreize zu Verhaltensänderungen geben, wenn marktwirtschaftliche Mechanismen nicht ausreichen. Und wenn wir nun einmal zu der Einsicht gekommen sind, dass die Reduzierung von CO2-Emmissionen ein wichtiger Hebel zur Absicherung unserer zukünftigen Lebensqualität ist, müssen wir geeignete Maßnahmen ergreifen. Regulierung würde ich nur dann als „schlecht“ bezeichnen, wenn sie unsachgemäß oder zu undifferenziert in Vorgänge eingreift und damit ihr Ziel verfehlt.
Wie verhält es sich nun beim „Carbon Footprint“ für Armaturen? Momentan halte ich das Instrument für eher überdimensioniert in Relation zum Mehrwert bzw. zur Wirkung. Für eine Unterscheidung zwischen vorteilhaften oder schlechteren Produkten kann ich heute schon die Energieeffizienz der Armatur in der Betriebsphase heranziehen. Bei manuell betriebenen Auf-/Zu-Armaturen besteht eine hohe Korrelation zwischen KV-Wert und dem „Carbon Footprint“. Damit steht mit dem KV-Wert bereits ein Maß zur Entscheidungsfindung zur Verfügung. Ein Vorteil des PCF ist, dass ich alles auf eine Maßgröße zurückführen und damit beliebig aufsummieren kann. Heute ist die Datenermittlung teilweise noch sehr mühsam und aufwändig, mit zunehmender Digitalisierung wird sich das aber verbessern.
Dr. Laura Dorfer: Wir wollen aktiv mitgestalten. Als einer der wichtigsten Schwerpunkte unserer Arbeit im VDMA sowie im Fachverband Armaturen haben wir die Vernetzung und frühzeitige Interaktion mit den regulierenden Stellen in Berlin und Brüssel definiert. Uns ist wichtig, dass wir frühzeitig Informationen und Sachargumente in den Regulierungsprozess einbringen können, um zu einer sachgemäßen, differenzierten und trotzdem zielgerichteten Regulierung zu kommen. Die Regulierung zum „PCF“ gibt zunächst einen Rahmen vor, den wir nun durch das VDMA-Einheitsblatt ausgestalten und für die Branche handhabbar machen. Hier eine Vorreiterrolle zu spielen, kann die deutsche bzw. europäische Industrie bei allem Aufwand auch wettbewerbsfähiger machen und zu Innovationen antreiben.