Herr Mühl, Sie haben als Unternehmer in Neuseeland, als Angestellter im Konzern und jetzt im Mittelstand gearbeitet. Was unterscheidet diese Welten wirklich?
Mühl: Der Unterschied ist spürbar, sobald man Entscheidungen treffen muss. Im Konzern gibt es klare Prozesse, große Budgets, viel Spezialisierung aber auch lange Entscheidungswege und wenig Spielraum für Abweichungen. Im Mittelstand passiert das Gegenteil: Sie können eine Idee morgens vorstellen und nachmittags mit der Umsetzung beginnen. Als kleines Unternehmen in Neuseeland habe ich hautnah erlebt, wie gut mittelständische Lieferanten reagieren, während Konzerne dieselben Anfragen wochenlang liegen ließen. Geschwindigkeit und Kundennähe sind im Mittelstand nicht nur leere Versprechen, sondern gelebte Realität.
Leiding: Die Schlagworte „schnell, pragmatisch, entscheidungsfreudig“ sind kein Mythos. Sie beschreiben die flachen Hierarchien im Mittelstand sehr zutreffend. Wenn Argumente überzeugen, kann eine Entscheidung noch am selben Tag fallen. In einem Konzern hätten Sie dafür ein Gremium gebraucht. Der Mittelstand begleitet Kunden auch dort, wo Konzerne aufhören. Wir helfen einem Kunden auch, aus seiner „Spezifikationsbubble“ herauszukommen. Nicht um Standards aufzuweichen, sondern um pragmatisch die beste Lösung zu finden. Das ist eine Kompetenz, die man nicht einfach kopieren kann.
Deutschland gilt im internationalen Vergleich als normgetrieben und manchmal träge. Ist das ein struktureller Nachteil?
Mühl: In Teilen ja, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Wenn man aus dem Ausland zurückkommt, erkennt man: Deutschland funktioniert. Die Infrastruktur, die Zuverlässigkeit, die Qualitätsstandards. Das Problem ist, dass unsere Normenverbundenheit manchmal zur Starre führt. Im Ausland werden bestimmte Dinge pragmatischer und schneller gelöst. Wenn Märkte volatiler werden, ist Geschwindigkeit ein echter Wettbewerbsfaktor und da tun wir uns in Deutschland manchmal schwer.
Leiding: Was ich dem hinzufüge: Der Mittelstand kann das intern gut abfedern. Wenn das äußere Umfeld komplex bleibt, darf man im Inneren keine zusätzliche Komplexität aufbauen. Klare Prozesse, schnelle Rückmeldungen, gute Datenlage, das ist keine Kür mehr, sondern Voraussetzung.
Ist „Made in Germany“ im internationalen Geschäft noch immer ein Türöffner?
Mühl: Ja, aber man muss es realistisch einordnen. Vielleicht hat „Made in Germany“ nicht mehr ganz dieselbe Strahlkraft wie vor zwanzig Jahren. Im industriellen Umfeld stehen deutsche Produkte nach wie vor für Zuverlässigkeit, technisches Know-how und hohe Standards. Das ist ein echter Vorteil, den man selbstbewusst ausspielen sollte. Der Schmerzpunkt ist ein anderer: Kunden sind nicht mehr bereit, das Doppelte zu zahlen, nur weil die Ware aus Deutschland kommt. Qualität muss sich also im Preis-Leistungs-Verhältnis bewähren, nicht nur im Label.
Viele mittelständische Unternehmen sind technologisch stark, aber international zu wenig sichtbar. Wie erklären Sie das?
Mühl: Es hat kulturelle und strukturelle Gründe. Konzerne verfügen über andere Budgets, andere Marketingabteilungen, eine andere Reichweite. Im Mittelstand ist Marketing oft Nebensache. Hier vertraut man auf Leistung und Mundpropaganda. Das ist einerseits sympathisch, kann im internationalen Wettbewerb aber zum Nachteil werden. Sichtbarkeit entsteht nicht von allein, auch dann nicht, wenn die Substanz vorhanden ist. Man muss heute online aktiv sein, über KI auffindbar sein, Präsenz zeigen. Die Amerikaner machen das besser, manchmal übertrieben, aber mit Wirkung.
Leiding: Dabei hat der Mittelstand ein echtes Alleinstellungsmerkmal: Er betreut Kunden wirklich. Wo Konzerne ab einem bestimmten Volumen nicht mehr persönlich reagieren, ist der Mittelstand noch präsent – mit echtem Ansprechpartner, mit technischer Beratung, mit Kundennähe. Das muss man nach außen tragen.
Fachkräftemangel ist im Mittelstand allgegenwärtig. Wie spitzt sich das bei Ihnen zu und was hilft wirklich?
Leiding: Gute Mitarbeitende sind rar, der Wettbewerb um Talente ist hart. Was uns hilft: Wir setzen stark auf interne Entwicklung – Quereinsteiger aus der Technik, die wir vertrieblich aufbauen. Das dauert länger, aber wir können sicher sein, dass diese Menschen die IDT-DNA am Ende auch in sich tragen, das Unternehmen wirklich kennen und verstehen, was sie verkaufen. Zudem muss man als Arbeitgeber attraktiv sein, nicht nur auf dem Papier. Der klassische Außendienst mit Dienstwagen reicht als Anreiz nicht mehr.
Mühl: Was viele unterschätzen: Internationaler Vertrieb bedeutet heute, auf sehr vielen verschiedenen Kanälen gleichzeitig präsent zu sein. WhatsApp, WeChat, lokale Plattformen. Das ist für die deutsche IT-Sicherheit der blanke Horror, und intern braucht es klare Strukturen, damit diese verschiedenen Stränge nicht im Chaos enden. Dazu kommt Sprachkompetenz – Englisch ist Minimum, weitere Sprachen ein echter Vorteil. Und die Reisebereitschaft bleibt unersetzlich, egal wie viel digital geht.
Wie führt man ein Team durch eine Phase, in der sich so vieles gleichzeitig verändert?
Leiding: Mit offener Kommunikation und zwar in beide Richtungen. Ich mache keinen Unterschied, mit wem ich spreche. Wer mir ehrliches Feedback geben will, wird offene Türen finden und wer es bekommt, sollte damit umgehen können. Dass ich als Sachbearbeiter angefangen und mehrere Stufen durchlaufen habe, hilft. Ich kann mich noch erinnern, wie es ist, wenn man nicht ganz oben sitzt. Führung von oben herab funktioniert in meinen Augen nicht. Was funktioniert: vorleben, was man erwartet. Leidenschaft ist ansteckend. Wenn man selbst mit Überzeugung dabei ist, zieht das andere mit.
Mühl: Kurze Wege helfen auch hier. Wenn jemand eine gute Idee hat, muss keine Diskussionsrunde einberufen werden. Das schätzen Mitarbeitende, das Gefühl, dass ihre Beiträge wirklich etwas bewegen können.
Was sind die wichtigsten Fähigkeiten, die mittelständische Unternehmen in den nächsten Jahren ausbauen müssen?
Mühl: Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit. Der Mittelstand muss schnell bleiben und noch schneller werden. Das gelingt nur, wenn Prozesse auf Flexibilität ausgelegt sind, nicht auf Starrheit. Wer nicht bereit ist, sich zu verändern, wird mittel- oder langfristig von anderen ersetzt. Das klingt hart, ist aber die Realität.
Leiding: Nah am Kunden bleiben, trotz aller Digitalisierung. Technologie ist ein Werkzeug, kein Ersatz für echte Beziehungen. Und offen sein für Veränderung auch in der eigenen Organisation.
Zum Abschluss: Gibt es Unternehmen oder Persönlichkeiten, auf die Sie mit besonderer Anerkennung schauen?
Mühl: Was mich fasziniert, sind Unternehmen, die sich konsequent neu erfinden. Konkret fällt mir Rocket Lab in Neuseeland ein. Ein Unternehmen, das Raketen baut und heute mit der NASA zusammenarbeitet. Als der Gründer damals nach Dichtungslösungen für seine Rakete fragte, hat das kaum jemand ernst genommen. Heute ist der Hauptsitz in Los Angeles und die Entwicklung eine Erfolgsstory. Das erinnert mich an die Gründergeschichte von IDT: Jemand fängt allein an, mit einer Idee und dem Mut, etwas zu wagen und daraus entsteht über Jahrzehnte etwas Tragfähiges.
Leiding: Was ich bei Unternehmerpersönlichkeiten bewundere, ist die Kombination aus langfristigem Denken, Verantwortungsbewusstsein und der Bereitschaft, auch in schwierigen Phasen standhaft zu bleiben. Das sind die Werte, die den Mittelstand im Kern ausmachen und die es zu pflegen gilt, auch wenn der Druck wächst.